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4.3 Lille unter deutscher Besatzung |
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Am 13. Oktober 1914 kapitulierte das belagerte Lille
nach einem furchtbaren Artilleriebeschuss, bei dem Hunderte von Häusern
zerstört wurden. Vier Jahre lang war Lille von den Deutschen besetzt, bis
am 17. Oktober 1918 die Armee des englischen Generals Birdwood die Stadt
befreite. Parades militaires |
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Um die deutsche Militärmacht zur Schau zu stellen
wurden regelmäßig in den besetzten Städten Paraden abgehalten. In Lille war
jeden Tag um 11.00 Uhr Wachablösung. Die bayrische Einheit marschierte dann
unter dem Klang von Pfeifen und Trommeln die Rue Nationale herunter und machte
auf der zentralen Grande Place zackige Marsch- und Präsentierübungen. Dies
alles fand genau zu Füßen der Statue der “Göttin” statt, die 1845 als
Symbol für den heroischen Widerstand der Stadt im Jahr 1792 gegen ein
österreichisches Belagerungsheer errichtet worden war. Diese alltägliche
Demonstration provozierte den Unmut der Bevölkerung Lilles. Offizielle Besuche
waren ebenfalls Anlass von Militärparaden, wie zum Beispiel der Besuch des
Kronprinzen von Bayern 1916 oder des deutschen Kaisers Wilhelm II. 1918. (Katalog “Le Nord en guerre” S. 52) |
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La resistance |
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Wenn manche auch versuchten, von den Umständen zu
profitieren und sich durch den Schwarzmarkt zu bereichern, so bildeten diese
doch die Ausnahme. Die Bevölkerung blieb in der Mehrheit deutschfeindlich und
drückte ihre Abneigung, die allerdings auch durch Resignation gekennzeichnet
wurde, in kleinen Gesten aus: Nationalfarben wurden getragen, den deutschen
Offizieren wurde der Gruß verweigert und Telefon- und Telegraphenlinien
wurden gekappt. Es gab wenige organisierte Widerstandsnetze. Eines davon wurde von dem Weinhändler Eugène Jacquet geleitet, einem sozialistischen Freimaurer und Pazifisten. Mit seinen Freunden Ernest Deconninck, Georges Maertens und dem Belgier Sylvère Verhulst leisten sie Fluchthilfe und schmuggeln Informationen über die Besatzungsmacht an französische und englische Behörden. Nachdem sie einem von den Deutschen abgeschossenen englischen Piloten zur Fluchtverholfen haben, werden sie an die Deutschen verraten. Mehr als 200 Personen werden verhaftet, Jacquet und seine Freunde am 21. September 1915 hingerichtet. |
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![]() Abschiedsbrief der in Lille erschossenen Widerstandskämpfer. (Archives départementales du Nord) Übersetzung: |
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22. September 1915 – 6 Uhr morgens Liebe Freunde, Kameraden! Wir sind am Ziel angelangt. In einigen Augenblicken wird man uns erschießen. Wir werden tapfer sterben, als gute Franzosen, als tapfere Belgier. Aufrecht! Die Augen unverbunden, die Hände nicht gefesselt. An alle. Auf Wiedersehen und Mut. Es lebe die Republik. Es lebe Frankreich. Soll meinen Freund RD gegeben werden. |
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La presse clandestine |
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Seit Oktober 1914 wurden die alliierten Nachrichten,
welche vom Eiffelturm oder der englischen Station Poldhu gefunkt wurden, vom
Abbé Pinte, der Chemielehrer am Technischen Institut in Roubaix war, und dem
ebendort tätigen Verwalter Firmin Dubar aufgefangen und mündlich
weitergegeben. Seit Januar 1915 wurden diese Nachrichten von ihnen und dem
Apotheker Joseph Willot gedruckt. ”Le journal des occupés ...
inoccupés” hieß diese Zeitung (“Die Zeitung der Besetzten ... die
unbesetzt sind”.) Die Zeitung änderte wiederholt ihren Namen: erst in ” La
Patience” (Die Geduld), 1916 in ”L'oiseau de France” ( “Der Vogel von
Frankreich”). Nach der Verhaftung des Abbé Pinte im Oktober 1916 änderte
Willot ihren Namen in ” La voix de la Patrie” ( “Die Stimme des
Vaterlandes”) mit der Absicht den beschuldigten Pater Pinte zu entlasten. Im
Dezember 1916 wurden jedoch er, seine Frau und die anderen Mitarbeiter
verhaftet. Seine Frau verstarb noch 1916 im Gefängnis, Willot 1919 an den
Folgen seiner Gefangenschaft. (Katalog “Le Nord en guerre” S. 38) |
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![]() Bekanntmachung über Vollzug des Todesurteils gegen Leon Trulin. (Archives départementales du Nord) |
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| Léon Trulin, gebürtig aus Ath in Belgien, wohnte seit 1902 in Lille. Mit 18 Jahren ging er 1915 heimlich nach Holland und von da aus nach England, wo er sich für den englischen Geheimdienst anwerben ließ. Er sollte berichten über: Zahl und Größe der Truppenbewegungen, die Luftwaffe, Ort und Lage von Artilleriestellungen, von Munitionsdepots, Lage der Schützengräben... | |||
![]() Elektrischer Hochspannungszaun an der Grenze des besetzten Frankreich zu Holland. |
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Von den Deutschen beschattet wurde er am 3. Oktober
1915 verhaftet, als er gerade wieder einmal mit seinen ebenso jungen Helfern die
von den Deutschen elektrisch gesicherte Grenze nach den Niederlanden zu
überqueren versuchte. Sie wurden in Anvers eingesperrt. Am 5. November
wurde er vom Deutschen Militärgericht wegen Spionage zum Tode verurteilt und am
8. November 1915 in Lilie dafür erschossen, dass er Widerstand geleistet hatte. (Katalog “Le Nord en guerre” S. 42) |
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Le travail forcé |
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Die Deutschen, die 1914 eine enorme Mobilmachung
betrieben hatten, schickten von der Front 740.000 Arbeiter zurück in die
Fabriken, zum Nachteil der kämpfenden Einheiten um die Produktion aufrecht zu
erhalten. Deutsche Frauen und Kinder mussten ebenfalls mitwirken für den Krieg
und in den Fabriken arbeiten. Da Deutschland im Gegensatz zu Frankreich und
Groß- Britannien nicht im Besitz von riesigen Arbeitskraftreserven war, sah es
sich gezwungen, die Zivilbevölkerung der besetzten Länder einzubeziehen. Man
führte anfangs nur freiwillige Arbeit ein und schlug vor, die zivilen Arbeiter
gegen Lohn einzustellen (mit zusätzlichen Vorteilen wie freie Unterkunft und
Bekleidung). Es gab jedoch nur wenige Freiwillige. Die Deutschen entschieden
sich daraufhin für die Zwangseinbeziehung von Arbeitskräften. Auf Befehl des
Großen Hauptquartiers wurden alle mobilisierungsfähigen Männer zwischen 17
und 55 Jahren als Kriegsgefangene betrachtet und zur Zwangsarbeit verpflichtet (
bei Verweigerung drohten ihnen drei Jahre Gefängnis und eine hohe Geldstrafe).
Diese Männer wurden zuerst nur für bestimmte Aufgabenbereiche auf begrenzte
Zeit einberufen, dann jedoch zur Dauerbeschäftigung. Nacheinander wurden sie
aufgerufen für landwirtschaftliche Arbeiten, Arbeiten in Fabriken,
Festungsarbeit, Maurerarbeit und zur Reparaturarbeiten von Eisenbahnschienen.
Manchmal erfolgten diese Arbeiten an der Front. Man zwang sie eine ”
freiwillige” Bereitschaftserklärung zur Arbeit zu unterschreiben. Die, die
sich weigerten, wurden gezwungen in Strafeinheiten zu gehen und mussten ein
rotes Band am Arm tragen. Frauen wurden gleicherweise zu verschiedene Arbeiten
im Haushalt, in Fabriken oder in der Landwirtschaft gezwungen. Die aus dem
Frontbereich Evakuierten wurden in landwirtschaftliche oder handwerkliche
Betriebe im besetzten Frankreich oder in Deutschland eingegliedert. (Katalog “Le Nord en guerre” S.33/4) |
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Mit Hilfe der Geiseln sollte die Bevölkerung
ruhig gestellt werden. Sie wurden ausgewählt aus der Gruppe der Notabeln und
der Abgeordneten. In Lille wurden am Anfang der Besatzung 60 Geiseln vom
Bürgermeister und dem Präfekten ausgesucht. Verteilt in 6 Gruppen hatten sie
der Reihe nach in der Festung zu übernachten. Im Falle von Gesetzesbrüchen
wurden eine Reihe von Strafmaßnahmen der Bevölkerung des besetzten Landes
auferlegt, wie die Verschleppung der Zivilbevölkerung in deutsche Lager, wo sie
nur eine geringe Verpflegung erhielten. Ebenfalls wurden sie zu härtester Feld-
und Industriearbeit genötigt, die Frauen zum Küchendienst. Als französische
Truppen 1914 im Elsass einmarschierten, nahmen sie wichtige deutsche kaiserliche
Beamte und ihre Familien aus den Besatzungszonen und verschleppten sie in das
unbesetzte Frankreich. Während der Kriegsdauer gab es Gespräche zwischen
beiden Regierungen um für das Schicksal der gefangenen Deutschen eine Lösung
zu finden. Um Druck auf die französische Regierung auszuüben, wurden die
Deportationen von zivilen Geiseln in besetzten Gebieten 1916 und 1918
beschlossen. Die Geiseln wurden unter den Notabeln (Honoratioren) der Städte
ausgesucht (Abgeordnete, Industrielle, Beamte, Rechtsanwälte,
Medizinprofessoren...). Die 300 Deportierten von 1916 aus Nordfrankreich kamen
ins Lager von Holzminden in Deutschland. Dieses Zivilgefangenenlager wurde
außerhalb der Stadt für 10.000 Leute errichtet. Schon ab 1914 wurden Gefangene
aus feindlichen Ländern dort interniert ebenso wie unerwünschte Deutsche. Die
Lebensverhältnisse waren erträglich, obwohl die Gefangenen an Isolation,
Mangel und leichten Strafen litten. Die Disziplin und die Strafen waren sehr
strikt. Übliche Strafe: ”der Mast”. Der Mann wurde zwei Stunden lang am
Mast festgebunden, ohne zu essen zu bekommen. Diese ersten Geiseln wurden 1917
in ihre Länder zurückgeschickt. Anders verlief die zweite Deportation von
1.000 Gefangenen im Juli 1918. Die Frauen, welche ebenfalls nach Holzminden
kamen, waren schrecklichen, verschlechterten Bedingungen ausgesetzt:
Hygienemangel, unendliches Stehen im Regen beim Appell und Versorgungsmangel.
Die Männer kamen nach Litauen, wo es ihnen ebenfalls schlecht erging: Hunger,
Trinkwassermangel und Demütigung waren sie ausgesetzt. 26 Geiseln starben in
Litauen an Kälte, Hunger, Mangel an Pflege; zum Teil wurden sie auch von Ratten
angefallen. (Katalog “Le Nord en guerre” S.34-37) |
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Aus der Perspektive der Besatzungsmacht schildert die "Liller Kriegszeitung" die deutsche Militärgerichtsbarkeit: |
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Trotzdem die weiteste Öffentlichkeit Zutritt hat, bin ich der einzige
Zuhörer. Durch eine große, offene Schiebetuer ist der Richtersaal von dem Zuschauerraum getrennt. Das Feldgericht tagt in dem stattlichen Gebäude der seit Oktober 1914 schweigenden nordfranzösischen Revue "Le Nouvelliste“. Der übliche grüne Tisch ist hier mit einer schweren Brokatdecke überdeckt. Die Wände zeigen ein pompejanisches Rot und Grecmuster als Leistenverzierung. Ein paar Fahrpläne, die an den Wänden angeheftet sind, verwischen etwas den prunkhaften Eindruck, den der hohe Spiegel, die kostbaren Bücherschränke, die Holzschnitzereien hervorrufen. Die Urlauberzüge, die darauf angegeben sind, kommen freilich für die armen Sünder, die hier abgeurteilt werden, nicht in Betracht. An dem großen Mitteltisch sitzen die feldgrauen Richter: der Oberstleutnant als Vorsitzender, zwei Hauptleute, ein eisgrauer Oberleutnant vom Landsturm, ein frischgebackener Leutnant, der Kriegsgerichtsrat und sein Sekretär. Am Fenster ein Tischchen für den Sachverständigen, am Ofen ein zweites für den als Verteidiger kommandierten Leutnant - der zufällig Jurist ist und einen berühmten Rechtsanwaltsnamen führt. Zweite Verhandlung. Die Anklage lautet auf Kriegsverrat. Spionage. Ein siebzehnjähriger Bursche, in Friedenszeiten Kohlenträger, seit die Deutschen die Stadt im Besitz haben, arbeitet er als Armierungsarbeiter. In dem stumpfsinnigen Gesicht sitzen ein paar treuherzige Augen. Man ist gleich von Anfang an geneigt, mit dem jungen Menschen zu sympathisieren. Er sieht so aus, als ob er kaum wisse, wie er zu der ganzen Sache gekommen sei. Er trägt einen schwarzen Kittel, ein rotes Halstuch, die weiten Hosen stecken in hohen Schnürstiefeln. Unablässig dreht er seine Mütze in den Händen. Er erinnert an ein in die Enge getriebenes Wild. Seine Augen fragen nur: "Was werdet ihr mit mir anfangen?" Er schluckt und schluckt, die Halsmuskeln bewegen sich immerzu. Der erste Zeuge ist ein semmelblonder, blauäugiger Franzose, der sich ein Geschäft daraus zu machen scheint, Fälle von Spionage aufzudecken. In seinem für mich unangenehmen Gesicht, steht sein Gewerbe geschrieben. Er lebt von Gelegenheitsarbeit. So hat er sich in demselben Abschnitt als Armierungsarbeiter einstellen lassen, in dem der von ihm jetzt Angezeigte beschäftigt war. Er teilte auch dessen Wohnung, hielt Kameradschaft mit ihm, ging auf seinen Plan ein, Zeichnungen von Schützengräben, ihrer Lage, der Art der Eindeckung anzufertigen. Liebhaber fanden sich gewiss dafür. ... Und sind diese Zeichnungen, die nur beim Schein des Talglichtes entstehen, auch plump und unbeholfen, es gibt in dem besetzten Gebiet viele geheime Stellen, die alles Material sammeln ... und der stumpfsinnige treuherzige Bursche entwickelt sich zum talentvollen Spion. Nur reicht seine Gerissenheit nicht aus, um den guten Kameraden zu durchschauen, der an ihm zum Ankläger wird, sobald er die Beweisstücke in Händen hat. Ein trübes Bild. Wir blicken erzürnt in die vor uns aufgedeckten Machenschaften eines Gegners, der uns nie mit der Waffe wird bezwingen können - aber fast noch mehr widert uns die aalglatte Art des gefälligen Verräters an. Das Gesetz, kann nicht umgangen werden: seiner verdienten Freiheitsstrafe wird der armselige Spion nicht entgehen, trotz der eindringlichen Verteidigungsrede. Dritte Verhandlung. Wegen verbotenen Waffenbesitzes und Nichtauslieferns zweier Fahrräder ist der Estaminetbesitzer und Bäcker B. angeklagt. Der Mann, dreißig Jahre alt, macht einen kläglichen Eindruck. Von Rheumatismus krumm gezogen, hager, klein, sehr schmuddelig. Wasser und Seife verachtet er anscheinend. Das Gesicht schmal, eingefallen, die Augen voll Todesangst, die Hände zittern vor Erregung. Er weiß, auf das Verbergen von Waffen steht Todesstrafe. Nur in besonders milden Fällen wird die Strafe in Zuchthaus nicht unter fünf Jahren umgewandelt. Er zieht ein unbeschreiblich schmutziges Taschentuch heraus, putzt sich die Nase, trocknet sich die Tränen ab. Auf die Frage, warum er der in der Proklamation festgesetzten Forderung nicht Folge geleistet habe, erwidert er: Ach, er habe ja weder lesen noch schreiben gelernt ... Wenn er die Proklamation nicht gelesen, warum er dann die Waffe, im Kamin versteckt habe? ... Aus Angst, man könne ihm den Revolver stehlen! Die Zeugin Eugenie, Mieterin in seinem Hause, die ihn angezeigt hat und offenbar nicht die freundschaftlichsten Gefühle für ihn hegt, wird vernommen. Schönheit kann man ihr nicht vorwerfen, dafür trägt sie aber um so mehr Schmucksachen: Brosche, Kette, noch eine Brosche, Ringe, Armbanduhr, Ohrringe und der Puder ist nicht gespart. Ein Mädchen aus dem Volke. Ohne Hut, mit schwarzem Umschlagtuch; aber gutsitzende Einsatzstiefel. Ihr Beruf: Näherin. Wie alt? Vierundzwanzig! Da können die Richter, die sie gleich mir auf 42 schätzen, ein Lächeln doch nicht unterdrücken. Das Bild, das sie und die nachfolgenden Zeugen entrollen, ist eines Maupassant würdig. In seinem Vorstadthäuschen hat der Angeklagte ein ganz gefährliches Hehlernest verborgen gehabt und es war ein Treffer, ihn erwischt zu haben. Der Kriegsgerichtsrat stellt seinen Strafantrag. Der Dolmetscher übersetzt ihn: Zwölf Jahre Zuchthaus. Und im selben Augenblick sinkt der Franzose in die Knie und bittet um Gnade. Er weint laut. Der Verteidiger erhält das Wort. Er spricht ausgezeichnet und schlägt vor, die Strafe unter Ansehung mildernder Umstände auf das Mindestmass festzusetzen. Der Beschuldigte kann kein Wort davon verstehen - aber der Ton schon tröstet ihn; er schluchzt nur noch leise. Auf der Diele steht wartend des Angeklagten Geliebte, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebt. Sie sieht sauber und energisch aus. Sie hat das Urteil vernommen. Nun ruft sie ihm zu: "Mut, nicht weinen, du bist ja nicht zum Tode verurteilt, also was willst du? Die Jahre gehen vorüber." Er weint immer heftiger. Das fürchterliche Taschentuch ist schon zum Auswinden nass. Da wendet sich die Geliebte an Eugenie: "Hast du ein Taschentuch, Eugenie, sieh nur, wie seines ausschaut!" Und Eugenie entlastet ihr Gewissen etwas, zieht aus ihrer Ledertasche ein ganz frisches Tüchlein, und die Frau steckt es ihm zu und außerdem ein paar Geldscheine. |
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- wie die „Liller Kriegszeitung“ über die Franzosen berichtete Alle 14 Tage erschien die „Liller Kriegszeitung“ von deutschen Redakteuren für deutsche Soldaten verfasst, gesetzt und gedruckt auf den französischen Maschinen der von der Besatzungsmacht verbotenen Zeitung „Echo du Nord“.
Hier folgen einige ausgewählte Artikel, aus denen die Haltung der Deutschen gegenüber den Franzosen hervorgeht: |
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Wir deutschen Frauen haben in diesem Kriegsjahr
natürlich nur wenig Sinn für die Entwicklung der Mode gehabt. Wir sahen nur,
ach so oft, klopfenden Herzens, wie sich für viele unserer Schwestern das
Feldgrau in, Schwarz wandelte. Aber ganz selbstverständlich nahmen wir die zum
Praktischen führenden Fortschritte an. Und so zeigte denn auch mein Reisekleid
die wieder Mode gewordene weite Rockform. Und auf dem Wege zur Schriftleitung
der Liller Kriegszeitung genoss ich still lächelnd die kleine Freude, dass zwei
Lillerinnen im knappsitzenden Sommerkleid von 1914 sich heimlich anstießen und,
meinen Rock musternd, mit einander wisperten: "Mais regardez donc cette
jupe large!" Und es gab darauf ein überlegenes, kaum merkliches
Achselzucken und die Antwort: "C‘est un peu allemand, à ce qu'il
parait! |
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Arme, kleine, um ihre Kindheit betrogene, Mädelchen. Die drei- und vierjährigen Kinder sind genaue Abbilder ihrer
geputzten Mütter, nur in verkleinertem Maßstab. Ich sah fünfjährige Zwillinge
in rosa Taftkleidchen, auf den allerliebsten dunklen Lockenköpfen helmartige
Gebilde, an denen seitlich "Reiher“ angebracht waren. Dass diesen Jungen
Damen die Patschhändchen in Handschuhe gezwängt werden, ist an der
Tagesordnung. Von Kindesbeinen an werden sie auf Eitelkeit dressiert. Zum Glück ist ja an den Wickelkindern noch nicht allzu viel zu putzen - aber ein
Armbändchen oder ein Halskettchen kriegen sie auch schon angehängt. Ist's
verwunderlich, dass das heranwachsende weibliche Geschlecht hier
durchschnittlich kein höheres Ziel kennt, als "sich gut
anzuziehen"? Es macht mich ganz traurig, wenn ich sehe, wie Kinder, die noch nicht einmal Abc - Schützen sind, schon prüfende Blicke in die Schaufenster werfen. Auch richtige Jungens sah ich nirgends. In den besseren Stadtgegenden nur junge, Herren. Mit sieben Jahren fangen manche an Zigaretten zu rauchen. Und erstaunlich früh haben sie etwas unangenehm „Fertiges“. Wenn ich an unsere frischen deutschen Jungens in den kleidsamen Kieler Anzügen denke und mit ihnen die Schüler des Liller Lycée vergleiche mit ihren steifen Stehkragen, modischen Filzhütchen und Spazierstöckchen! Ich habe hier noch keine Knaben getroffen, die z. B. das Spiel der Spiele, nämlich Soldaten gespielt hätten. Hier in Lille, kennt, das die Jugend nicht. Nicht im Spiel und auch nicht im vorbereitenden Ernst. Jugendkompagnien hat es hier nie gegeben. Dafür sitzen die Halbwüchsigen im Zitadellenwäldchen im Gras, spielen Karten, fluchen dazu, spucken und rauchen die unvermeidliche Zigarette. |
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![]() Auch etwas, was die Franzosen anders machen: In Lille steht ein Denkmal für die Brieftauben, die im militärischen Dienst ihr Leben ließen. |
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